• 2. Geographische und begriffliche Abgrenzung des Gebiets
  • 3. Bedeutung der erzgebirgischen Bergbauregion für Mitteleuropa
  • 4. Auswahl der Objekte und Beurteilung des Gebiets nach den Projektkriterien
  • 5. Aufbewahrung und Herkunft der Quellen zum Bergbau im böhmischen Erzgebirge
  • 6. Gemeinsamkeiten der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung auf beiden Seiten des Erzgebirges
  • 7. Einbeziehung von Partnern in die Arbeit am Projekt
  • 8. Ergebnis der Beurteilung und Empfehlungen
  • Anlagen
  • 3.2 Die Bergstädte


    Abb.: Historischer Grundriß von Horní Blatná

    Der Urbanisierungsprozeß, durch den neue Städte und Ortschaften im böhmischen Erzgebirge insbesondere im 16. Jahrhundert entstanden waren, verlief einzigartig in Europa. Zu den ersten Siedlungen (14. Jahrhundert) des Erzgebirges mit städtischem Charakter gehörten im Westerzgebirge Nejdek, Jindøichovice, Kraslice, Hroznìtín und Luby. Später kam dann Krajková dazu. Im Ostteil des Erzgebirges waren es Krupka, Pøíseènice und Hrob. Nicht alle diese Städte waren einst als Bergstadt gegründet worden. Die Gründer waren überwiegend Adlige. Im 15. Jahrhundert kam es im Zusammenhang mit dem Abbau von Zinn- und Eisenerzvorkommen zur Gründung und Entwicklung von Bergstädten. In Sachsen waren es vornehmlich Silbererze, die zum Beispiel zur Gründung der Städte Schneeberg und Annaberg führten. Zu einer Wende kam es im 16. Jahrhundert, als um 1515 in der Umgebung von Jáchymov reiche Silbererzvorkommen entdeckt worden waren. In der Kupfererzförderung erlangte im Erzgebirge das Gebiet von Hora Svaté Kateøiny eine vorrangige Stellung. Bis zum Jahr 1550 entstand eine Reihe neuer Städte, voran Jáchymov, dann weiter Mìdìnec, Oloví, Louèná, Hora Svaté Kateøiny, Abertamy, Vejprty, Pernink und zwei weitere Städte auf einem Gebiet, das damals eine Zeit lang zu Sachsen gehörte - Horní Blatná und Bo¾í Dar. In dem gesamten oberen Erzgebirge hatte sich die Wirtschaft rasch entfaltet. Es entwickelte sich das Hüttenwesen und das Handwerk. Das diente dem technischen Fortschritt erheblich. Schnell wuchs der Handel mit den Gebieten des Erzgebirgsvorlandes und des Tals der Ohøe und auch mit entfernter gelegenen europäischen Landwirtschaftsregionen, denn das Kammgebiet des Erzgebirges war nicht in der Lage, den gewachsenen Bedarf an Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs selbst zu produzieren.


    Die neugegründeten Städte wurden nach einem vorausgeplanten Grundriß im Stile der Renaissance angelegt. Es entstand ein quadratischer Marktplatz, um den herum für Wohn- und Wirtschaftsgebäude ein rechtwinkliges Netz von Straßen angelegt wurde.

    Nach 1550 wurden weitere Städte wie Pøebuz, Mikulov, Hora Svaté ©ebestiána, Výsluní und Místo gegründet. Insgesamt entstanden im Erzgebirge 25 Städte als wirtschaftliche Zentren, darunter war Jáchymov die größte und bedeutendste.

    Abb.: Karte der bedeutendsten Städte, die dem Bergbau ihre Gründung verdanken

    Das böhmische Erzgebirge war im 16. Jahrhundert zum bedeutendsten Bergbaugebiet und zum Gebiet mit dem größten Wirtschaftswachstum im Königreich Böhmen geworden. Es entstanden Städte, Gemeinden und dazu außerhalb gelegene Siedlungen, die in seltenen Fällen herrschaftliches Eigentum waren.

    Das Sächsisch-böhmische Erzgebirge wurde zur dichtbesiedeltsten Gebirgsregion auf dem europäischen Kontinent.

    In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stagnierte dann die Förderung in einigen Revieren oder kam gar zum Erliegen. Unter den Gründen dafür finden sich unter anderem, dass die tagesnahen beziehungsweise oberen Lagerstättenbereiche ausgeerzt waren. Weiter waren es gestiegene Kosten für Erkundung und Abbau, der Import von Metallen aus anderen Bergbaugebieten und sogar aus Übersee, Preisänderungen und Veränderungen der Wirtschaftsbedingungen. Zum Niedergang der Bergstätte trugen die Verhältnisse während und nach dem Dreißigjährigen Krieg bei. Weiter führte die Gegenreformation in erheblichem Maße dazu, dass aus den Städten vor allem Vertreter begüterter Schichten nach dem benachbarten Sachsen abwanderten. Trotz verschiedener Erleichterungen, mit denen das Königshaus den Städten entgegenkam (Steuer- und Schuldenerlaß, Verbot der Einquartierung von Militär in den Städten, Finanzierung der Erkundung, Ableitung von Abwasser), wurde die Erzförderung nur soweit aufrechterhalten, dass die Städte ihren Status als Bergstadt nicht verloren.

    Zur Erhaltung der Lebensgrundlagen unter den neuen Bedingungen mußten sich die Bergstädte im Verlauf der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert auf Industrieproduktion und Heimarbeit umorientieren. Einige von Ihnen wuchsen im 19. Jahrhundert zu bedeutenden Zentren der Spielzeugherstellung heran (Hora Sv. Kateøiny, Horní Litvínov), andere zu Zentren der Textilindustrie (Spitzen-, Handschuh- und Posamentenherstellung). Das waren zum Beispiel Vejprty, Nejdek, auch Abertamy und Pernink. Zu Zentren des Musikinstrumentenbaus wurden Luby und Kraslice. Ein ganz spezieller Zweig entwickelte sich aus ehemaligen Hütten- und Hammerwerken. Aus ihnen entstanden Waffenschmieden, in denen Büchsen und Gewehre in höchster Qualität hergestellt wurden (Vejprty, Vernéøov). In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bekam eine Reihe von Bergstädten dann einen Anschluß an das Eisenbahnnetz. Dadurch entstanden hier Holz- und Metallverarbeitungsbetriebe, Betriebe der Lebensmittelproduktion oder Papierfabriken. Einige von ihnen haben ihre damalige Bedeutung nicht wieder erreicht (Pøíseènice, Mìdìnec, Louèná, Hora Sv. ©ebestiána, Mikulov, Výsluní, Oloví, Místo).

    Abbildungen: Neuorientierung der Einwohner der Bergstädte im 18. und 19. Jahrhundert auf Industrieproduktion und Heimarbeit

    Dramatische Einschnitte in die Entwicklung der Orte und das Leben der Bevölkerung auch im Erzgebirge waren im 20. Jahrhundert die beiden Weltkriege. Das trifft insbesondere auf die Zeit unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu, in der das tschechische Grenzgebiet 1938 an Deutschland angegliedert wurde. Infolge dessen wuchs der Anteil der deutschen Bevölkerung in diesem Gebiet bis 1945 auf etwa 80 % an. In den folgenden Jahren ist es nicht gelungen, diesen Landstrich wieder so zu besiedeln und eine wirtschaftliche Leistung zu entwickeln, die das Vorkriegsniveau wieder erreicht. Die historisch Kontinuität war unterbrochen und das Gebiet wurde allmählich durch Abwanderung der Einwohner in die Industriegebiete im Erzgebirgsvorland weiter entvölkert. Es gab keine Bemühungen mehr um die Aufrechterhaltung der Kulturlandschaft, die in Jahrhunderten durch die Tätigkeit der Menschen geformt worden war und zu der Baudenkmale gehören, Traditionen, das Kunstschaffen sowie die gesellschaftlichen Gepflogenheiten und Überlieferungen. Im Jahr 1947 wurde dazu noch die Grenze geschlossen und erst ab 1963 gab es wieder gewisse Erleichterungen. Die gesellschaftliche Entwicklung auf beiden Seiten der Grenze verlief in dieser Zeit unterschiedlich. Die Kommunikation untereinander wurde im Prinzip eingestellt. Es gab gelegentliche Erleichterungen, aber zu einer echten Zusammenarbeit der Orte untereinander und der Bevölkerung über die Grenze hinweg kam es nicht. Schrittweise Veränderungen stellten sich erst nach dem Jahr 1990 ein. Heute wirken eine Reihe von Initiativen, darunter die Euroregion Kru¹nohoøí/Erzgebirge, in deren Rahmen es 1999 zur Aufnahme der Arbeit am gemeinsamen Projekt Montanregion kam.