• 2. Geographische und begriffliche Abgrenzung des Gebiets
  • 3. Bedeutung der erzgebirgischen Bergbauregion für Mitteleuropa
  • 4. Auswahl der Objekte und Beurteilung des Gebiets nach den Projektkriterien
  • 5. Aufbewahrung und Herkunft der Quellen zum Bergbau im böhmischen Erzgebirge
  • 6. Gemeinsamkeiten der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung auf beiden Seiten des Erzgebirges
  • 7. Einbeziehung von Partnern in die Arbeit am Projekt
  • 8. Ergebnis der Beurteilung und Empfehlungen
  • Anlagen
  • 4.3.2 Das Nordböhmische Braunkohlenrevier

    Das Nordböhmische Braunkohlenrevier liegt in der Niederung zwischen dem Erzgebirge und dem Böhmischen Mittelgebirge. Es erstreckt sich zwischen den Städten Klá¹terec nad Ohøí und Ústí nad Labem auf eine Länge von ca. 70 km und hat an verschiedenen Stellen eine Breite von bis zu 20 km. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein hatte es den Charakter eines fruchtbaren Ackerlandes, durchsetzt mit Feuchtgebieten. Dieses Becken gehörte in den vergangenen 150 Jahren zu den am stärksten industrialisierten Agglomerationen in Mitteleuropa.


    Abb.: Übersicht - Die Denkmale in den genannten Ortschaften und ihrer Umgebung sind in Anlage 2 aufgeführt

    Braunkohle wurde sporadisch bereits vom 15. Jahrhundert an abgebaut. Die ersten schriftlichen Überlieferungen dazu gibt es aus dem Jahr 1403. Ein industrielles Ausmaß erlangte die Förderung aber erst von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an. Der Abbau erfolgte bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts in Hunderten untertägigen Gruben. Die industrielle Revolution rief mit ihrer Forderung nach neuen Energiequellen eine rasche Entwicklung der Kohleförderung hervor. Zur Entwicklung trug von 1853 an der Aufbau eines engen Eisenbahnnetzes bei. Kohle wurde vor allem in Richtung des benachbarten Sachsens zu einem begehrten Exportgut.


    Abb.: Abbau an der Stelle,
    an der die ehemalige Königliche
    Stadt Most stand

    An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert begann der Abbau in offenen Kohlebrüchen und damit im Tagebau an Bedeutung zu gewinnen. Den Zugang zu den Kohleflözen erlangte man dadurch, dass man den Abraum im Hangenden der Kohle abtrug. Die Hauptgründe für die Gewinnung im Tagebau bestehen in der Möglichkeit, effektive Großgeräte einsetzen und die Kohleflöze besser ausbeuten zu können sowie in einer höheren Sicherheit, als es im untertägigen Bergbau möglich ist, zu arbeiten. Ein großer Nachteil dagegen sind die immensen Spuren der Zerstörung in der Landschaft. Die großflächigen Tagebaue führten zur Liquidation von mehr als 100 Ortschaften und zum schnellen und unwiederbringlichen Verschwinden natürlicher Ressourcen. Ein Abbaurekord wurde Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts erreicht mit etwa 75 Mio t Kohle pro Jahr.

    Die Kohle wurde hauptsächlich als Energieträger in den Kraftwerken eingesetzt, die in der Nähe der Kohlegruben entstanden. Die Energieherstellung und die weitere Schwerindustrie waren eine hohe Belastung für die Umwelt. Sie führten zum Waldsterben im Erzgebirge mit den damit verbundenen negativen Einflüssen auf den Charakter der erzgebirgischen Kulturlandlandschaft. Heute ist die Förderung halbiert und das Erzgebirge erholt sich von dieser Krise. Von insgesamt 9 Mrd. t geschätzten Kohlevorrats im Revier sind rund 6 Mrd. t Tonnen mit der heute angewandten Technologie abbaubar. Bisher ist etwa die Hälfte dieses Vorrats, ca. 3 Mrd. t, abgebaut worden. Das war eben jener Teil des Vorrats, der relativ leicht erreichbar war und machte den großen Anteil der hochwertigeren Kohle aus. Alles, was für den Abbau in der Zukunft noch verblieben ist, liegt unter schwierigeren geologischen Bedingungen in größerer Tiefe, unter geologischen Brüchen oder unter den Städten, Ortschaften und Industriegiganten der Region.


    Abb.: Weinberg an einer Außenhalde
    im Gebiet Most

    Die großflächige Rekultivierung nach dem Kohleabbau im Revier erfolgt seit 1952. Im Jahr 1958 war der erste europäische Plan für eine großflächige Rekultivierung zur Erneuerung der Landschaft nach der Einstellung der Kohleförderung erarbeitet worden. Er wurde zur Grundlage für alle weiteren Dokumente der Territorialplanung im Kohlebecken.

    Die durch den Abbau beeinträchtigten und zerstörten Flächen waren in der Vergangenheit und werden in der Gegenwart nach dem Ende der direkten bergmännischen Arbeiten rekultiviert. Es folgt der Wandel der "Mondlandschaft" mit offenen Abbauen und Abraumhalden zu Wäldern, Feldern, mit Wasserflächen, Erholungs- und Gewerbegebieten. Es sind schon 150 km2 Landschaft für eine neue Nutzung zurückgegeben worden. An weiteren 125 km2 wird gegenwärtig gearbeitet.


    Abb.: Nordböhmisches Braunkohlebecken - Revierplan mit eingezeichneten Gruben, Kippen und Halden, Bebaute Flächen, Tagebaue, Rekultivierung

    Die Zukunft der Großtagebaue ist sowohl ein politisches wie ein wissenschaftliches Thema, dessen Lösung in entscheidendem Maße die weitere Entwicklung der Vorerzgebirgsregion beeinflußt. Im Revier wird ein Projekt für ein vorerzgebirgisches, technisches Museum mit einem Lehrpfad vorbereitet. Hier wird die Geschichte und Gegenwart des Kohleabbaus, der Verarbeitung und der Rekultivierung gezeigt werden. Für den historischen Teil der Ausstellung ist der ehemalige Schacht Julius lll in Most-Kopisty ausgewählt worden. Der verfügt über Tage über eine noch gut erhaltene Dampffördermaschine. Geplant ist auch eine Stelle, an der Tagebaugroßgeräte gezeigt werden können.


    Abb.: Untertagebergwerk aus dem 19. Jahrhundert - Abb.: Gewinnung mit Schaufelradbagger - Abb.: Das Autodrom auf der Halde eines Großtagebaus

    Aus technologischer Sicht war die Liquidierung der historisch wertvollen Stadt Most eine einmalige Lösung. Als deren Folge stand die Verschiebung der gotischen Dekanatskirche um 841 m damit in engem Zusammenhang. Die Umsetzung der Kirche war eine einmalige technische Leistung, die in der Welt ihres Gleichen sucht. Der Wert der Kirche ergibt sich aus ihrer Architektur und ihrer inneren Ausgestaltung. Sie ist ein einzigartiges Kleinod sächsisch-böhmischer, mittelalterlicher Baukunst. Die Moster Kirche zu Marie-Himmelfahrt, von 1517 an errichtet und die Annenkirche von Annaberg (1499 bis 1525 gebaut) stammen vom gleichen Baumeister, Jakob Heilmann. Das gesamte vom ehemaligen Tagebau überzogene Gebiet der ehemaligen Stadt Most wird heute rekultiviert und zu einem Erholungsgebiet hergerichtet.


    Abb.: Verschiebung der Kirche Marie-Himmelfahrt in Most im Jahr 1975 - Abb.: Tagebau unterhalb des Bergs Hnìvín im Jahr 1980, hier stand Most - Abb.: Der gleiche Blick im Jahr 2000 führt über die rekultivierte Landschaft