• 2. Geographische und begriffliche Abgrenzung des Gebiets
  • 3. Bedeutung der erzgebirgischen Bergbauregion für Mitteleuropa
  • 4. Auswahl der Objekte und Beurteilung des Gebiets nach den Projektkriterien
  • 5. Aufbewahrung und Herkunft der Quellen zum Bergbau im böhmischen Erzgebirge
  • 6. Gemeinsamkeiten der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung auf beiden Seiten des Erzgebirges
  • 7. Einbeziehung von Partnern in die Arbeit am Projekt
  • 8. Ergebnis der Beurteilung und Empfehlungen
  • Anlagen
  • 6.1 Was wir gemeinsam haben

    Auf den ersten Blick hin ist das die Kulturlandschaft mit den gleichen Merkmalen, die aus der Nutzung der natürlichen Reichtümer seit Jahrhunderten herrühren. Vergleichbarkeit gibt es zum Beispiel beim engen Netz der Besiedlung mit der charakteristischen erzgebirgischen Bauweise, bei der Wandlung gerodeter Waldflächen in Felder, Weiden und Wiesen, beim Vorhandensein von Spuren des Bergbaus und der Verhüttung, von Kunstgräben und anderen technischen Denkmalen, letztlich bei der wirtschaftlichen Entwicklung seit dem Ende des Bergbaus und anderes mehr.



    Abb.: Beispiele für die Besiedlung der Erzgebirgstäler - Jáchymov und das sächsische Pobershau, beide Orte hatten im16. Jahrhundert eine Blütezeit

    Die Entwicklung eines Gebiets beeinflußt die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen und Gewohnheiten. An ihrer Ausprägung haben sowohl die herrschenden Schichten als auch die einfachen Menschen des Erzgebirges ihren Anteil. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten bedingen Transportwege. Die Verbindungen über das Erzgebirge waren immer besondere Angelegenheit, denn es war der steile Erzgebirgsabbruch von rund 600 m Höhenunterschied auf kürzester Distanz aus dem Böhmischen Becken heraus zu überwinden. Für die Sachsen hingegen ging es hier steil hinunter. Die Übergänge sind deshalb durch Zutun beider Seiten an vielen gut zugänglichen Stellen errichtet worden und die gemeinsame Kommunikation konnte sich entwickeln. Handel, Zuzug von Siedlern in die bis dahin unbewohnten Gebiete und von Fachleuten zu den Rohstoffquellen, Wege zur Arbeit und zum Studium oder das Kennenlernen der jeweils anderen Seite, machten den Schwerpunk der positiven Wirkungen aus. Der Einfall des Militärs, die Flucht vor Glaubens- oder anderer Verfolgung oder die Vertreibung aus der Heimat waren schlimme negative Seiten. In Anbetracht der Vergangenheit gibt es heute auf 130 km gemeinsamer Grenze im Erzgebirge wenig Übergänge - nur zehn Straßenübergänge, drei für die Eisenbahn und etwa fünfzehn für grenzüberschreitende Wanderwege. Zur Verbesserung der Verständigung und der nachbarlichen Beziehungen ist es zu empfehlen, weitere frühere Übergänge zu reaktivieren, und sei es wenigstens als Fußgängerübergang für Touristen und Wanderer.

    Blickt man auf die Geschichte der politischen Diplomatie beider Staaten, so ist festzustellen, dass die böhmischen und sächsischen Herrscherhäuser Kurfürsten waren, die den Kaiser im gemeinsamen Reich bis ins Jahr 1806 wählten. Dabei standen sie oft auf einer Seite oder gegeneinander. Bei der direkten Abstammung der Angehörigen der herrschaftlichen Geschlechter gibt es interessante Verbindungen. So wurde zum Beispiel im Jahr 1153 Gertrud, die Tochter des Brandenburgischen Markgrafen Albrecht des Bären mit Fürst Dìpolt (Theobald von Böhmen) verheiratet, der der jüngere Bruder Herzog Vladislav des ll. war. Nach dem Aussterben des sächsisch-wittenbergischen Zweigs der Askanier übernahm das Geschlecht der Wettiner, die auch Markgrafen von Meißen waren, die sächsische Kurwürde. Die erste Frau des Markgrafen von Meißen Wilhelm l., genannt der Einäugige (1343-1407), war Elisabeth von Böhmen. Sie war die Tochter von Johann Heinrich (Jan Jindøich) dem Luxemburger. Die Enkelin des Kurfürsten Friedrich l., Katharina, nahm im Jahre 1471 Fürst Heinrich den Jüngeren von Münsterberg, den Sohn Georgs von Podìbrady (Jiøí z Podìbrad) zum Mann. Ein Enkel Friedrichs lV, des Streitbaren, bzw. Sohns des Kurfürsten Friedrich des Sanftmütigen, der Meißner Fürst Albrecht der Beherzte, seines Zeichens Herzog von Sachsen und Grubernator von Friesland, heiratete 1459 Georgs Tochter Sidonia (Zdena) von Böhmen. Eine weitere und bedeutende königliche Verbindung war im Jahr 1719 die Heirat Friedrich August ll, Kurfürst von Sachsen und August lll. König von Polen, mit Marie Josefa von Österreich, der Tochter Kaiser Josephs l. Aus dieser Ehe ging auch Albrecht von Sachsen-Teschen hervor, der seine Cousine Maria Christine, eine Tochter der Kaiserin Maria Theresia, zur Frau nahm. Auch im 19. Jahrhundert waren habsburgisch-wettinische Verbindungen absolut zeitgemäß. Der sächsische König Anton nahm Marie Therese von Österreich zu seiner zweiten Frau, die eine Tochter Kaiser Leopold ll. war. Die erste Frau Königs Friedrich August ll., dem Thronfolger Antons, war Caroline Ferdinanda von Österreich, die Tochter des Böhmischen Königs Franz ll, der sich ab 1804 Kaiser Franz l. nannte. Marie Josefa, die Schwester des letzten sächsischen Königs Friedrich August lll. (abgesetzt 1918), nahm Erzherzog Otto zum Mann, den jüngeren Bruder von Franz Ferdinand d´Este. Sie war dadurch die Mutter Karl l., des letzten Kaisers der österreichisch-ungarischen Monarchie. Und selbst Friedrich August lll. nahm sich Louise zur Frau, die Tochter des Toskanischen Großherzogs, des Habsburgers Ferdinand lV. Aus diesen Verbindungen ist zu schließen, dass sich auch gemeinsamen kulturelle Kontakte zwischen beiden Ländern eingestellt hatten.


    Abb.: Wappen der
    Hrabischitzer

    Die Geschichte der Besiedlung der böhmischen und sächsischen Seite des Erzgebirges ist ein Beispiel für den Austausch von Bewohnern, Wissen und Technologie. Dazu gehört die Berufung von Kirchenräten und der Siedler in die entlegenen und unbewohnten Winkel des Gebirges durch Verwalter und Adlige vom 12. Jahrhundert an zur Urbarmachung des Bodens und zum Aufspüren von Rohstoffquellen. Die Entstehung der Klöster Teplá und Osek beförderte auf böhmischer Seite die Besiedlung des Gebirges und das Erschließen seines Reichtums, damit des Bergbaus und der Verarbeitung der Metalle. Die naturgemäße Zusammenarbeit zwischen den Klöstern auf beiden Seiten, zum Beispiel zwischen den Zisterzienserklöstern Osek und Altzella, ermöglichte dann auch weitergehenden Austausch. Verwalter und Vertreter der Adelsgeschlechter waren gleichzeitig auch Bergbauunternehmer oder Bergbeamte. Aus wirtschaftlichen Gründen waren sie bestrebt, ihre Ländereien bis an die jeweiligen Landesgrenzen auszudehnen. Die Gebiete auf dem Erzgebirgskamm wechselten ihre Zugehörigkeit wiederholt zwischen sächsischer und böhmischer Herrschaft. So finden wir zum Beispiel die Gründung von Sayda (Závidov) durch das Geschlecht der Hrabischitzer auf dem Gebiet des heutigen Sachsens und die Gründung von Horní Blatná und Bo¾í Dar durch den sächsische Kurfürsten. Heute liegen diese wieder auf böhmischem Gebiet. Im Zusammenhang mit dem Gebietsaustausch können wir folgern, dass auch die Adelsgeschlechter sowohl im böhmischen Gebiet als auch auf ihren Ländereien in Sachsen heimisch gewesen sind. Viele Gemeinsamkeiten findet man in den Bergstädten bei der Entwicklung der Rechtsprechung und der Verwaltung. Für das Berg- und Hüttenwesen zum Beispiel war das Freiberger oder Annaberger Bergrecht das Vorbild für die Erarbeitung ebensolcher Rechtsvorschriften auf der böhmischen Seite.

    Im Handel und unter den Fachleuten funktionierte die Zusammenarbeit in allen Jahrhunderten. Anders war es dagegen unter den Verwaltern und Besitzern der Ländereien bestellt. Erfahrenen Bergleuten aus Sachsen, insbesondere aus Freiberg, war es von früher Zeit an nicht nur in Böhmen erlaubt, sich anzusehen, wie ihren Nachbarn die Lagerstätten ausbeuteten. Der Handel mit Zinn, Kupfer und Silber erfolgte nicht nur mit Händlern aus Nürnberg und Augsburg, sondern auch mit solchen aus Leipzig, Dresden und anderen sächsischen Städten. Eine Reihe von Bergbauunternehmern und Bürgern auf böhmischer Seite hatten ihre Besitzungen in Sachsen und umgekehrt, zum Beispiel Moster in Freiberg und Freiberger in Most. Auf dem Gebiet der Erzaufbereitung und -verhüttung gibt es viele Beispiele der Kooperation. Zum Beispiel wurde das in Hora Svaté Kateøiny geförderte Erz in der Saigerhütte in von Grünthal /bei Olbernhau/ verarbeitet oder Zinnerz aus Pøebuz in Altenberg und anderes mehr. Mit den für das Leben dringend nötigen Lebensmitteln und mit Gütern des täglichen Bedarfs, die in den Bergregionen nicht produziert werden konnten, wurde ein für beide Seiten vorteilhafter Handel getrieben. Das Erzgebirge war auch eine wichtige Region, in der man auf beiden Seiten die kulturellen Strömungen aus dem Rheingebiet, von der Donau, aus Mittel- und Westeuropa gemeinsam aufnahm. Das zeigt sich ganz besonders auf künstlerischem Gebiet.


    Abb.: Historische Darstellung
    von Kunstgezeugen

    Zur Verbesserung der Abbaubedingungen und der Aufbereitung und Verhüttung der Erze nutzte man gemeinsam Erfindungen und technische Vervollkommnungen aus den Nachbarrevieren, zum Beispiel bei Technologien zum Anfahren der Gänge, bei der Entwässerung, bei der Bewetterung, beim Einsatz des Wassers als Aufschlagwasser oder bei der Herstellung von Holzkohle. Dazu trugen auch die Bildungseinrichtungen bei, namentlich die auf diese Fachgebiete spezialisierten Hochschulen wie die von Jáchymov, gegründet 1716 und die ihr folgende Bergakademie Freiberg mit Gründung im Jahr 1765.

    Unter den hervorragenden sächsischen Persönlichkeiten, die in böhmischen Städten gewirkt hatten, war zum Beispiel Georg Agricola, Humanist und Wissenschaftler, der Mitte des 16. Jahrhunderts das damals bekannte Wissen im Berg- und Hüttenwesen /und der Glasherstellung/ zusammentrug und in seinem Buch "DE RE METALLICA LIBRI Xll" (Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen) veröffentlichte, wirkte als Arzt in Jáchymov. Eine weitere Persönlichkeit war Johannes Mathesius, ein Schüler des Reformators Martin Luther, Verfasser eines Bergmannsgebetsbuchs und Gründer der im europäischen Rahmen bedeutenden Bibliothek von Jáchymov. Im 17. Jahrhundert wanderten viele Exulanten aus Böhmen nach Sachsen aus, wo es ihnen möglich war, eine neue Existenz aufzubauen. Darunter waren viele Adlige und Bürger aus den Bergbaugebieten, die dann ihre Kenntnisse und Erfahrungen im Ausland einsetzten.


    Abb.: Erhaltengebliebene Renaissancegrundrisse
    der Städte Hora Sv. ©ebestiána
    und Marienberg

    Ein sichtbares Zeichen langandauernder Gemeinsamkeiten ist die städtische Architektur. Nach gleichen Prinzipien wurden die Städte in der Spätgotik und der Renaissance gebaut, indem man ein rechtwinkliges Straßennetz um ein rechtwinkliges Stadtzentrum herum anlegte. Beispiele dafür sind Hora Svatého ©ebestiána, Horní Blatná und die sächsischen Städte Marienberg und Annaberg. Gemeinsame Züge tragen auch einzelne Bauwerke in den Städten, an denen die gleichen Bauschaffenden und die gleichen Bauhütten beteiligt waren (zum Beispiel die Kirchen von Most und Annaberg). Ebenso vergleichbar hat man wasserwirtschaftliche Anlagen gebaut (zum Beispiel im 17. Jahrhundert den Flößgraben Fláje - Freiberg /und das Freiberger Kunstgraben-Röschensystem/). Auch in der Lebensweise und im Wohnumfeld der Menschen haben sich vergleichbare Formen durchgesetzt, die wir beispielsweise bei mehrstöckigen Fachwerkhäusern oder bei der übereinstimmenden inneren Gestaltung der Gebäude finden können.


    Abb.: Spätgotische Gewölbe in den Kirchen
    von Most und Annaberg

    Eindrucksvolle gemeinsame Züge tragen die Tätigkeiten und die Entwicklung in der Zeit, die dem Bergbau im Erzgebirge nach dessen Einstellung folgte. Es bildete sich grenzübergreifend eine neue Art ökonomischen Wirtschaftens heraus. Charakteristisch ist dabei die Textilherstellung (Weberei, Wirkerei, Spitzenherstellung, Posamenten- und Bortenherstellung), die Holzverarbeitung, bei der vornan die Spielzeugherstellung zu nennen ist und andere Produktion. Gerade die Spielzeughersteller tragen mit ihren Produkten, dabei insbesondere mit ihren Weihnachtskollektionen vor allem auf sächsischer Seite zur Pflege der erzgebirgischen Traditionen und dieser Thematik bei. Es war auch eine völlig gleichartige Entwicklung, wie sich die Produktion im Handwerk und in den Manufakturen zur industriellen Produktion gewandelt hat. Sachsen und Böhmen gehörten ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu den am weitesten industrialisierten Ländern Europas und ihre Randgebiete, dazu gehörte das Erzgebirge, spielten dabei eine große Rolle, insbesondere in der Textilindustrie und im Apparate- und Gerätebau. Ein weiteres Beispiel ist die Herstellung von Porzellan. Seine Entdeckung in Meißen hat Zusammenhänge mit der montanistischen Entwicklung, die zum Vorbild für die Porzellanherstellung in den Bergbaustädten Horní Slavkov, Klá¹terec nad Ohøí und Dubí wurde. Ihre Tradition hatte im gesamten Erzgebirge auch die Glasherstellung, die aus den mittelalterlichen Glashütten hervorgegangen ist. In gesellschaftlicher Hinsicht war das Erzgebirge eng verbunden. Es gab keine Sprachprobleme, weil die erzgebirgische Mundart, aus vielen deutschen Dialekten herausgebildet, von den Bewohnern beider Seiten gesprochen wurde. Sehr populär wurde Anton Günther, der Dichter, Schriftsteller und Liedermacher. Er war in Bo¾í Dar geboren und schrieb wie einer der kleinen Leute in erzgebirgischem Dialekt. Die Musik und die Musikanten waren immer ein verbindendes Element. Man spielte vor allem auf der Harmonika, der Zitter, der Harfe, später auch der Gitarre, die man auch zu den Instrumenten des Erzgebirges zählen kann. Weltrum beispielsweise erlangten die Harfinistinnen aus Pøíseènice.


    Abb.: Denkmal für Anton
    Günther in Bo¾í Dar

    Ein legendärer Volksheld, der auf beiden Seiten des Erzgebirges sein bekannt war, war Karl Stülpner. Er war in Scharfenstein geboren und lebte von 1762 - 1841. Stülpner war Unternehmer, Rebell, Wilddieb, Schmuggler und Beschützer der armen Leute. Um ihn ranken sich noch heute Legenden. Selbst neuzeitliche Tendenzen blieben nicht ohne Widerhall im Erzgebirge. Während der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden wir einzelne Industriebetriebe, die über die Grenze hinweg tätig waren. Als Beispiel dafür soll die Firma F. A. Lange (Sächsische Kupfer- und Messingwerke) dienen, die eine böhmische Niederlassung zwischen Brandov und Grünthal hatte.