Alle aufgeführten günstigen Momente mußten natürlich nicht für jeden und zu jeder Zeit als günstig und vorteilhaft angesehen werden. Es gab und es gibt Dinge, die beide Seiten voneinander trennen. Aber es gilt auch dafür, dass sie nicht jeder negativ wahrnehmen muß.
Was die Trennung voneinander begünstigt, das ist sicher der natürliche Abbruch des Erzgebirges mit seinem steilen Abfall nach der böhmischen Seite hin. Die Grenze, die auf dem Kamm verläuft, ist eine der ältesten und stabilsten Staatsgrenzen in Europa. Es trennen uns auch staatliche Regelungen, die in der Geschichte nicht immer den freundschaftlichen Beziehungen dienten. Es ergaben sich in der Vergangenheit Komplikationen und das selbst in der Zeit, als das Böhmische Königreich innerhalb des gemeinsamen Kaiserreichs lag oder als es zum mächtigen Österreich-Ungarn gehörte, das zu seinen Nachbarn durchaus freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Gesellschaftliche Bewegungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten krasse nationalistische Zwiespälte zur Folge, die die Entfremdung begünstigten. Die Regelungen für Europa nach dem Ersten Weltkrieg waren die logische Folge dieser Entwicklung und nach der Bildung der Tschechoslowakei setzte sich dieser Trend fort. Im Erzgebirge aber rief das bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs zunächst keine ausgeprägten Konflikte hervor. Jedoch die negativen Erfahrungen der Tschechen im Kriege - die deutschen Erzgebirgler eingeschlossen - bildeten in den folgenden Jahrzehnten dann aber eine nichtüberwindbare Barriere. Die Einrichtung eines grenznahen Sperrgebiets mit strenger militärischer Bewachung machte die Staatsgrenze bis 1963 dicht und es kam zu einer völligen Entfremdung voneinander. Mit dem Austausch der Bevölkerung auf der tschechischen Seite kam es zum Abreißen der Bindungen an die Landschaft, an Grund und Boden und zum Handwerk. Auf sächsischer Seite hat es solche Entwicklungen nicht gegeben.

Zum Nachteil gereichten die Umsiedlungspolitik und die sprachenmäßige Trennung. Der Zuzug von Bewohnern aus völlig anderen Kulturkreisen konnte kein kontinuierliches Anknüpfen an die ursprüngliche Besiedlung bringen. Gleichzeitig zeigten sich keinerlei Bestrebungen, die historischen Kontakte zum Nachbargebiet wieder aufleben zu lassen. Nach kurzer Zeit der Entspannung innerhalb der gegenseitigen Beziehungen kam es zu einem weiteren Bruch und zum Einmarsch von Truppen aus der Deutschen Demokratischen Republik in die Tschechoslowakei, die gemeinsam mit der Sowjetarme eingriff, um die politische Krise im Frühjahr des Jahres 1968 zu lösen. Dadurch entstand auf der tschechischen Seite Mißtrauen gegenüber den Nachbarn vor allem bei vielen Menschen der älteren Generation. Oft kam das nicht einmal aus dem eigenen Erleben der Zeitzeugen heraus, sondern kam eher aus der Erziehung oder Gewohnheit, die ein Mißtrauen gegenüber den deutschen Nachbarn zur Folge hatten. Die neue Generation hat hier einen anderen Zugang, der es möglich machen kann, das auf sich beruhen zu lassen und das Trauma der Kriegsfolgen zu überwinden. Die Entwicklung der tschechisch-deutschen Beziehungen im vereinigten Europa und im Rahmen der wirtschaftlichen Globalisierung kann diese Belastungen allmählich abbauen.
Der Verfall oder der Abzug wirtschaftlichen Potentials aus den Gebirgsregionen ist für deren Zukunft die größte Barriere. Damit ist die hohe Arbeitslosigkeit und die Abwanderung junger Menschen aus dem Gebirge eng verbunden. Die Hoffnung sinkt, dass im Gebiet des Erzgebirges finanzielle Mittel für Investitionen in das Territorium und zur Minderung der Schäden aus der Vergangen zur Verfügung stehen werden. Allein mit öffentlichen Haushaltsmittel kann diese Situation nicht verändert werden.
Durch die Beurteilung der Landschaft nach den Maßstäben des Projekt Montanregion ist sicherlich eine unterschiedliche Aufnahme der Gebiete und Objekte in die Kulturerbeliste für das Erzgebirge gegeben. Die Vernachlässigung und der Verfall von Denkmalen im vergangenen halben Jahrhundert sind bekannt und das Interesse an dementsprechenden Veränderungen bei den zuständigen Institutionen ist nur sehr eingeschränkt ausgebildet. Bei der Bevölkerung aber ist das völlig anders. Das betrifft unter anderem auch die Gesamtheit aller Hoch- und Brennöfen in der Landschaft. Das alles hängt mit den ungenügend ausgereichten finanziellen Mitteln für diese Sphäre zusammen, die bisher für die zuständigen Institutionen nicht die notwendige Priorität hatte.


Mit dem Schicksal der ursprünglichen Bevölkerung des böhmischen Teils des Erzgebirges war auch das der ursprünglichen Folklore, Sitten und Gebräuche besiegelt. Es gingen für das böhmische Erzgebirge die charakteristischen Produktionszweige verloren, darunter die Spielzeugherstellung und die textile Kleinproduktion. In Grenznähe gingen ganz oder teilweise Wohnorte verloren und damit deren Kultur, sodass sie auch ihren ursprünglichen Charakter verloren hatten.
Die Bindung der neuen Bewohner zu ihrem Wohnort und zur Landschaft unterscheiden sich von denen auf sächsischer Seite, die dort in langen Zeiträumen gewachsen sind. Es fehlt /auf der tschechischen Seite/ die entscheidende Motivation zur Lösung der Probleme, zur Gründung von Bürgergemeinschaften, zu einer positiven Einwirkung auf die Jugend in der Schule und zur Realisierung verschiedener Projekte zur Förderung der Landschaft und der Gemeinden. Einen bedeutenden Einfluß auf die Möglichkeiten zur Herbeiführung einer grundlegenden Wende hat selbstverständlich auch die Änderung des Lebensstils im vergangenen Jahrzehnt.
Man muß annehmen dass die Sprache in der weiteren Zeit eine Barriere bleiben wird. Die künftige Generation kann dieses Problem dadurch überwinden, dass man auf beiden Seiten eine Sprache zur Kommunikation erlernt, zum Beispiel Englisch.
Das Projekt Montanregion ist sicher eine große Gelegenheit zur Entfernung und Überwindung von Barrieren und zur naturgemäßen Zusammenarbeit bei der Verwirklichung gemeinsamer Ziele.